Twit­ter bemüht sich um eine bessere Diskus­sion­skul­tur. Doch was das Unternehmen nun testet, kön­nte genau das Gegen­teil bewirken – zur Freude von Don­ald Trump und Co

Twit­ter ist so etwas wie der Speak­ers’ Cor­ner des Inter­nets: Der Nutzer stellt sich auf eine virtuelle Kiste und kann sich der ganzen Welt zu allen möglichen The­men mit­teilen. Da wie im Lon­don­er Hyde Park jed­er, der vor­beikommt, zuhören und mit­disku­tieren kann, muss der Nutzer auch mit gegen­sät­zlichen Ansicht­en rech­nen. Das liegt in der Natur der Plat­tform, das muss aushal­ten, wer sich dort zu Wort meldet.

 
Lei­der kommt es bei Twit­ter regelmäs­sig auch zu schar­fen per­sön­lichen Angrif­f­en und straf­baren Äusserun­gen. Dage­gen kann sich der Nutzer wehren, indem er die entsprechen­den Tweets oder Accounts bei Twit­ter meldet. Und dann muss er darauf hof­fen, dass die Mitar­beit­er diese prüfen und Sank­tio­nen ver­hän­gen.

Diese Kon­trollmech­a­nis­men funk­tion­ieren allerd­ings nicht immer. Das liegt zum einen an der Zeit, die es braucht, um solche Mel­dun­gen zu bear­beit­en. Zum anderen gibt es Graubere­iche, die eine ein­heitliche Bestra­fung qua­si unmöglich machen. Das lässt manche Nutzer ent­mutigt zurück, bis sie sich in let­zter Kon­se­quenz von der Plat­tform ver­ab­schieden. Solche Kri­tik hat Twit­ter ver­an­lasst, an der eige­nen Diskus­sion­skul­tur zu arbeit­en und seine Bemühun­gen öffentlichkeitswirk­sam trans­par­ent zu machen. Doch der jüng­ste Schritt kön­nte in die falsche Rich­tung gehen.

Wer darf mir antworten?

An der Con­sumer Elec­tron­ics Show in Las Vegas hat das Unternehmen angekündigt, im ersten Quar­tal neue Funk­tio­nen zu testen. Dem­nach soll der Nutzer kün­ftig vier Möglichkeit­en haben, um auszuwählen, wer auf seinen Tweet antworten darf: alle; nur die eige­nen Fol­low­er sowie die im Tweet genan­nten Per­so­n­en; nur die im Tweet genan­nten Per­so­n­en; nie­mand auss­er ihm selb­st. 

Diese Mass­nahme soll Nutzern mehr Kon­trolle geben und die Angst davor nehmen, sich auf der Plat­tform zu äussern. Das klingt im ersten Moment ein­leuch­t­end. Wer eine offen­sichtliche Min­der­heitsmei­n­ung ver­tritt, fühlt sich auf­grund des selb­st­bes­timmten Kom­men­ta­torenkreis­es ver­mut­lich freier. Doch es ist fraglich, ob die Diskus­sion­skul­tur bess­er wird, wenn Nutzer poten­ziell kri­tis­che Mei­n­un­gen von vorne­here­in auss­chliessen kön­nen. Wenn alle in ihren Fil­terblasen bleiben und sich nur noch gegen­seit­ig in ihren Mei­n­un­gen bestäti­gen, entste­ht let­ztlich gar keine Diskus­sion mehr. Das Einzige, was bleibt, ist ein geistiger Kuschel­bunker: Innen ist alles gemütlich, friedlich, wohl geson­nen, draussen ist es düster und feind­selig.

Filterblasen und Falschmeldungen

Die von Twit­ter so geförderten Fil­terblasen bergen zudem die Gefahr, dass Falschmel­dun­gen leichter ver­bre­it­et wer­den kön­nen. Don­ald Trump zum Beispiel reagiert nach­weis­lich empfind­lich auf kri­tis­che Stim­men. Der US-Präsi­dent hat­te eine Zeit lang entsprechende Accounts block­iert, bis ein Gericht diese Prax­is als ver­fas­sungswidrig beze­ich­nete. Angenom­men, Trump würde seine Tweets nur noch mit ges­per­rter Kom­men­tar­funk­tion ver­fassen, dann hät­ten seine Geg­n­er keine Chance mehr, auf Anschuldigun­gen oder falsche Zitate direkt zu reagieren. Die einzige verbleibende Möglichkeit wäre, dessen Tweet in die eigene Botschaft zu inte­gri­eren und zu kom­men­tieren. Diese Reak­tio­nen wür­den jedoch längst nicht alle Trump-Fol­low­er erre­ichen. Das Beispiel lässt sich mit beliebiger Pro­pa­gan­da von links wie rechts erset­zen. Denn wahrschein­lich wären viele Poli­tik­er, Parteien und Inter­es­sen­grup­pen geneigt, kri­tis­che Stim­men auszuschal­ten.

Es liegt in der Ver­ant­wor­tung von Twit­ter, dass sich seine Nutzer an die Regeln der Plat­tform hal­ten. Das Unternehmen muss es schaf­fen, diese kon­se­quent durchzuset­zen. Anstatt sich neue Funk­tio­nen auszu­denken, die den Diskurs abwür­gen, sollte Twit­ter bess­er in beste­hende Sank­tion­s­mech­a­nis­men und den Kampf gegen Bots, die Het­ze am Fliess­band ver­bre­it­en, investieren. Doch das kostet natür­lich mehr, als die Ver­ant­wor­tung an die Nutzer abzuschieben, und wäre let­ztlich ein Eingeständ­nis der eige­nen Über­las­tung. Der Speak­ers’ Cor­ner des Inter­nets würde somit jeden­falls geschlossen.

Quelle: www.nzz.ch

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